Wofür wir einstehen, wann wir aufstehen, wo wir dazustehen – ein Plädoyer, das auf Streit aus ist!
Leseanleitung:
- Dieser Beitrag erschien in gekürzter Form im Couleur 2020/3, der Verbandszeitschrift des MKV. Diese Langversion hier beinhaltet zusätzliche Referenzen und persönliche Wertungen.
- Ich bin Mitglied mehrerer katholischer Studentenverbindungen.
- Dieser Beitrag wurde am 20.9.2020 verfasst, rund ein Monat nach den Vorfällen rund um die Grazer Synagoge, und ist seit dem unverändert. Er nimmt explizit nicht auf aktuelle Vorfälle Bezug, konkret etwa auf die Ermordung eines Lehrers in Frankreich am 16.10., der mit seinen Schülern die Mohammed-Karikaturen aufarbeiten wollte, oder auf die Vandalismusaktion von 30 Jugendlichen, die am 29.10. die Katholische Kirche St. Anton von Padua (die Antonskirche) in Wien-Favoriten stürmten und verwüsteten, oder die Aktion eines 25-jähriger Afghanen, der am 31.10. im Wiener Stephansdom islamische Parolen schrie und tobte.
Parallelen sind allerdings kaum von der Hand zu weisen.
Frühling 2020: Neben Corona bleiben viele historische Ereignisse der jüngeren Geschichte nicht unbeachtet: Dem Ende des 2. Weltkriegs ging die Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen und seiner über 40 Außenlager wie Gusen, Ebensee oder Melk voraus. Die beiden großen katholischen Verbände MKV und ÖCV geben dazu eine Broschüre 1Quelle: https://www.mkv.at/gedanken-zum-gedenken-denkmal-fuer-ns-opfer-aus-dem-mkv/#more-2360 heraus, in der auf 16 Seiten die Biographien einzelner Kartellbrüder im Widerstand bzw. unter Verfolgung veröffentlicht werden.
Der Hohe MKV-Kartellsenior leitet dazu ein:
«… Gerade in prekären Situationen und unsicheren Zeiten gilt es, unsere Prinzipien zu bewahren und zu verteidigen. Das ist es, was uns katholische Couleurstudenten ausmacht: Hinsehen, Aufstehen und Courage zeigen, gerade wenn viele andere aus Angst, Unsicherheit oder einfach aus Bequemlichkeit wegschauen. … „Niemals wieder“ muss unser Credo sein!»
https://www.mkv.at/gedanken-zum-gedenken-denkmal-fuer-ns-opfer-aus-dem-mkv/#more-2360
Worte, die man nicht deutlicher unterstreichen könnte, Worte, die einen nach jeder Stiftungsfestrede mit stolzgeschwellter Brust zurücklassen, Worte, die man so aber auch schon Jahre und Jahrzehnte immer wieder gehört hat.
Selbstverständlich, denken wir uns: Niemals wieder darf das geschehen! Aber hallo, denken wir uns: Gerade die Einfachheit unserer vier Prinzipien macht es uns im Zweifel leicht zu entscheiden, ob wir «hinsehen, aufstehen und Courage zeigen». Auch wenn der Teufel im Detail sitzt…
Szenenwechsel: Graz, Sommer 2020.
In der Mittwochnacht, 19. August 2020, wird die Außenwand der Grazer Synagoge mit antisemitischen und pro-palästinensischen Slogans beschmiert. Zwei Tage später, Freitag 21.8., fliegen Betonstücke gegen die Fenster der Synagoge, eine Scheibe geht zu Bruch, mehrere Fenster wurden beschädigt. Am Tag darauf, Samstag, 22.8., wird Elie Rosen, Präsident der Grazer jüdischen Gemeinde, vor der Synagoge mit einem Holzprügel attackiert; in letzter Sekunde kann er sich zurück in sein Auto retten, der Angreifer schlägt mit dem Baseballschläger noch auf das Fahrzeug ein und ergreift dann die Flucht, alles wird von Überwachungskameras festgehalten. Tags darauf wird ein tatverdächtiger 31-jähriger Syrer festgenommen. Er gesteht diese sowie diverse weitere Straftaten und gibt abgrundtiefen Hass auf Israel und die Juden als Motiv an.
Politik und Medien sind auf Tauchstation – bis auf Tristan Ammerer, Grüner Bezirksvorsteher des 5. Grazer Stadtbezirks Gries. Samstag Mittag fordert er Polizei und Politik zu aktivem Schutz der jüdischen Gemeinde sowie zu einer Stellungnahme auf. Als er gegen Abend vom Angriff auf Elie Rosen erfährt, ruft er zur Mahnwache: «… Es reicht. Ich geh nach dem Essen hin und steh da heute Nacht. Wäre cool nicht alleine zu sein.» Es ist Samstag, der 22. August 2020, 21.04 Uhr: Schnell findet sich trotz des nass-kalten Wetters ein Grüppchen vor der Synagoge ein, das Bild der Mahnwache couragierter Grazer Bürgerinnen und Bürger geht um die Welt.
Derselbe Samstag, 22.30 Uhr: Mich erreichen ein paar Tweets zur Mahnwache, und ich bin elektrisiert: Wäre nicht genau das der perfekte Moment zum «Hinsehen, Aufstehen und Courage zeigen»? Wie einfach könnte es sein, sich im Diskurs um Extremismus durch einfaches Dazustehen, im wahrsten Sinn des Wortes, zu positionieren und zur Deutungshoheit beizutragen? Für Mitbürgerinnen und Mitbürger, die aufgrund ihrer Religion angegriffen werden, einzustehen?
Ich ärgere mich, bereits wieder zurück in Zürich zu sein und nicht selbst einfach zur Synagoge fahren zu können, also schreibe ich in diverse Whatsapp-Gruppen meiner Verbindungen – ohne Reaktion. Ich poste auf Facebook in MKV- bzw- ÖCV-Gruppen – ohne Reaktion.
23.36 Uhr: Mein Bruder Josef (v/o Platon AUR!, Cl!) beendet eine Probe seiner Kabarettgruppe, zögert nicht lange, anstatt nach Stattegg fährt er zurück in den Stadt und schickt mir per Whatsapp einen Geo-Pin, seine Position. Er steht nun vor der Synagoge und sagt: «Inzwischen sind nur mehr wenige vor der Synagoge.» Er spricht mit Tristan Ammerer, die beiden eint in ihrer politischen Überzeugung wohl nur sehr wenig, und dennoch tweetet dieser kurz nach Mitternacht: «Die muslimische Jugend Österreich ist nun auch vertreten, auch jemand von der VP bzw. Couleurstudenten und die Linke Szene of course.» In den nächsten zwei Stunden tauchen Polizisten in Zivil auf, geben sich zu erkennen und lassen wissen, dass der Schutz nun gewährleistet sei, die Mahnwache endet um etwa 2 Uhr morgens.
Am nächsten Tag, Sonntag, 23. August, gibt es eine Vielzahl an Wortspenden der Empörung, des “Niemals wieder”, der Solidarität. Die internationale Öffentlichkeit blickt mit Entsetzen auf Graz. Am Nachmittag findet eine Demonstration vom Grazer Hauptbahnhof zur Synagoge statt, neben meinem Bruder soll sich angeblich ein weiterer MKVer daran beteiligt haben. In der Verbindungs-Whatsappgruppe tauscht man sich mittlerweile zum sonntäglichen Kirchgang aus, auf Facebook wird – neben einigen Bekundungen von Respekt und Dank – erklärt und relativiert. Dass man sich nicht mit “den Linkslinken” abgebe, dass es ja um Kritik am und Kampagnen gegen den ÖVP-Bürgermeister Nagl (v/o Milupa, Cl!, MEG!) ginge, und ausserdem diese Flüchtlinge ohnehin allesamt abgeschoben werden sollten. Schließlich noch Häme über Ammerer, der von der übereifrigen Polizei eine Anzeige erhielt, da er mit der Organisation der Mahnwache gegen das Versammlungsgesetz verstoßen habe. Die Bundesregierung kündigt einen “nationalen Aktionsplan gegen Antisemitismus” mit 30 Maßnahmen in den Bereichen Bildung, Forschung, Justiz und auch Sicherheit für den Herbst an.
Was bleibt?
Als katholische Couleurstudenten ist gelebte Zivilcourage ein Auftrag, den wir aus unseren Prinzipien klar und deutlich ableiten. Doch wenn wir bei einfachsten Situationen nichts tun, was sind diese Prinzipien wert? Wenn bereits das «Hinschauen» so viel an Erklärungsbedarf verursacht, dass für das «Aufstehen» weder Zeit noch Kraft oder gar Mut bleibt? Wenn bereits in nicht-öffentlichen Facebook-Gruppen, also dem Safe-Space der korporierten Snowflakes, das «Niemals wieder» differenziert wird, weil man ja schon nicht mit dieser und jener Gruppe assoziiert werden möchte?
Apropos: Es wäre wohl noch nie so idiotensicher gewesen, sich von anderen farbtragenden Vereinen mit klarer Kante abzugrenzen. Hier stehen die katholischen, christlichen Farbstudierenden zum Schutz für die jüdische Gemeinde – dort jene, die auch 75 Jahre später deklarierten Antisemitismus pflegen – nicht einmal zu einer Pressemitteilung von MKV, ÖCV, geschweige denn des EKV konnte man sich durchringen.
Bildung zur Prävention von Antisemitismus
Ich reite ein letztes Mal auf unseren Prinzipien und frage mich, was genau wir eigentlich noch wissen über dieses dunkle Kapitel der europäischen Geschichte. Was sagen uns religiöse Begriffe, Feste und Bräuche heute noch? Es fehlt an Wissen – plakativ und live unter Beweis gestellt, wie Tristan Ammerer aus Gesprächen mit den Polizisten berichtet, die in diesen Tagen zum Schutz der Synagoge abgestellt waren: «… zwei Polizisten in Zivil … Ich hab mit denen ja geredet, die wurden erst kurz zuvor hinbeordert … Die beiden wussten nicht mal was Antisemitismus, oder der sabbath ist. Die jüdische gemeinde hielten sie gar für eine Einwanderercommunity …»
Nicht, dass es an Angeboten fehlte: So etwa bietet die Plattform erinnern.at des Instituts für Holocaust Education des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung (BMBWF) eine Vielzahl an historischem und methodisch-didaktisch aufbereteitem Wissen sowie dessen Reflexion für die Gegenwart. Der Grazer Vorfall wurde bereits aufgearbeitet und kontextualisiert in Lernmaterialien, Empfehlungen und Hilfestellungen für den Unterricht: «Das Lernmaterial „Fluchtpunkte. Bewegte Lebensgeschichten zwischen Europa und Nahost“ thematisiert die Verflechtung der Geschichte Europas mit der des Nahen Osten. Anhand von sieben Lebensgeschichten werden die Themen Antisemitismus, Rassismus, Flucht und Migration, Holocaust und Nahostkonflikt behandelt.»
Und schließlich: Wie werden wir das nächste Mal herausfinden, ob unsere Zivilcourage gefragt ist – sind wir auf Social Media aktiv und folgen dort auch Accounts, die der eigenen Meinung und Haltung entgegen stehen, aber vielleicht gerade noch rechtzeitig Alarm schlagen? Auch das ist ein Aspekt von lebenslangem Lernen, sich digitale Kommunikationskompetenz zu erwerben und einzusetzen. Nur Mut – manchmal reicht vielleicht ein Like, und manchmal müssen wir aber zwingend «…Aufstehen und Courage zeigen, gerade wenn viele andere aus Angst, Unsicherheit oder einfach aus Bequemlichkeit wegschauen.»
- 1Quelle: https://www.mkv.at/gedanken-zum-gedenken-denkmal-fuer-ns-opfer-aus-dem-mkv/#more-2360